Professionelle Beziehungsgestaltung zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und betroffenen Eltern im Gefährdungsabklärungsprozess anlässlich einer Gefährdungsmitteilung

Research output: Types of ThesesDoctoral Thesis

Abstract

Diese Dissertation untersucht die professionelle Beziehungsgestaltung zwischen Fachkräften der
Kinder- und Jugendhilfe und betroffenen Eltern im Rahmen behördlich initiierter Gefährdungsabklärungen. Im Zentrum steht die Frage, wie Eltern diese Beziehung erleben, welche Aspekte sie als
förderlich oder hinderlich empfinden und welche Bedingungen tragfähige professionelle Beziehungen begünstigen. Der Gefährdungsabklärungsprozess wird als komplexes, institutionell gerahmtes
Interaktionsfeld verstanden, das durch asymmetrische Kommunikation, Machtverhältnisse und widersprüchliche Rollenerwartungen geprägt ist.
Die qualitative Studie ist im österreichischen Kontext angesiedelt, mit besonderem Fokus auf
Oberösterreich und die landesgesetzlichen Regelungen der Gefährdungsabklärung (§§ 3, 40 Oö.
KJHG 2014). Grundlage der Analyse sind narrative Interviews mit zehn Elternteilen, die mithilfe der
Narrationsanalyse nach Fritz Schütze ausgewertet wurden. Im Zentrum steht dabei die Rekonstruktion erfahrungsbasierter Deutungsmuster innerhalb des Gefährdungskontexts.
Theoretisch basiert die Arbeit auf einem mehrdimensionalen Zugang: Aus bindungstheoretischer
Perspektive werden Beziehungserfahrungen als Ausdruck von Sicherheit, Verlässlichkeit und emotionaler Verfügbarkeit interpretiert, wobei auch die Bindungsrepräsentationen und reflexiven Fähigkeiten der Fachkräfte eine Rolle spielen. Ergänzend werden Konzepte der Sozialen Arbeit zur
Bearbeitung struktureller Machtasymmetrien herangezogen – insbesondere zum Umgang mit Ohnmacht, dialogischer Aushandlung und Selbstermächtigung im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle. Das Doppel- bzw. Tripelmandat der Sozialen Arbeit dient als analytischer Bezugsrahmen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Beziehungsgestaltung im Gefährdungskontext kein methodisches Beiwerk, sondern ein grundlegendes Element professioneller Praxis ist. Vertrauen, Verlässlichkeit, Anerkennung und dialogische Öffnung gelten als wesentliche Gelingensbedingungen – insbesondere
dann, wenn Fachkräfte institutionelle Macht reflektieren, asymmetrische Kommunikation sensibel
gestalten und ihre Handlungsspielräume beziehungsorientiert nutzen.
Die Dissertation leistet einen empirisch fundierten Beitrag zur Weiterentwicklung beziehungsbezogener Fachlichkeit in der Kinder- und Jugendhilfe und schließt eine Forschungslücke im deutschsprachigen Raum. Sie bietet praxisrelevante Impulse für die Beziehungsgestaltung im Gefährdungsabklärungsprozess – im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle, reflexiver Professionalisierung und
ethischer Verantwortung.
Original languageGerman (Austria)
QualificationDr. phil.
Awarding Institution
  • Universität Graz
Supervisors/Advisors
  • Sprung, Annette, Supervisor, External person
Award date10 Jun 2025
Publication statusPublished - 23 Jun 2025

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